Ich will beim Arzt einen Bonbon!- vom Trainieren des Belohnungzentrums und seinen kuriosen Folgen

Gleich vorab: Ich halte nichts von Belohnungssystemen. Sie sollen etwas erleichtern, machen es im Endeffekt aber nur schwerer. Und sie hinterlassen ihre Spuren bis ins Erwachsenenalter.

Gleichzeitig verstehe ich natürlich das Bedürfnis „gutes“ Verhalten zu belohnen. Also gedanklich nachvollziehen, was einen dazu bewegt. Die Gewitterhexe ist in einem Alter, in dem sie natürlich sehr empfänglich ist für Belohnungen und Strafen. Umso wichtiger für mich, genau dieses nicht zu tun. Weder zu belohnen, noch gezielt zu bestrafen. Gut, von Strafen halte ich ungefähr genauso viel. Versteht sich von selbst.

Was meine ich mit Belohnung?

Gemeint ist das Versprechen von Süßigkeiten, Spielzeug oder ähnliche Befriedigungen materialer Wünsche. Belohnungen sollen gutes bzw. richtiges Verhalten gezielt verstärken. Im Grunde ist es eine Konditionierung auf ein bestimmtes Verhalten. Oder zumindest der Versuch, es funktioniert nicht immer oder bewirkt das Gegenteil. Je nachdem, wie das Kind gestrickt ist. Es geht ausserdem darum Verhalten zu bestärken, dass Erwachsene als gut oder richtig empfinden oder meinen, dass es von der Gesellschaft so erwartet wird. Es ist der gegensätzliche Ansatz zum reinen Vorleben und das gewünschte Erleben lassen.

Wer belohnt denn eigentlich?

Bestes Beispiel ist wohl der Arztbesuch. Kinder erhalten eine Süßigkeit oder ein kleines Geschenk, wenn sie gut mitgemacht haben und brav waren. Dazu hilft das Zückerchen eventuell beim Vertrauensaufbau. Oder zumindest, den Arztbesuch nicht nur in schlechter Erinnerung zu behalten. Kann ich irgendwo nachvollziehen.

Auf der anderen Seite denke ich, dass sich Vertrauen eben auch anders aufbauen lässt. Und ein nicht kleiner Anteil auch einfach Aufgabe von uns Eltern ist. Was bedeutet, dass wir dem Arzt auch erstmal vertrauen müssen, damit wir das dem Kind vermitteln können. Warum bekommt dann eigentlich das Kind den Bonbon? Ich verstehe auch an dieser Stelle den Drang einem Kind zu zeigen, dass es sich gut benommen hat. Es ist sicher angenehmer zu arbeiten, wenn das Kind ordentlich mitmacht und nicht komplett dicht macht. Es ist mit Sicherheit unglaublich stressig, wenn ein Kind blockiert, brüllt und partout nicht will. Egal, ob jährliche U-Untersuchung oder weil das Kind krank ist. Allerdings, und das habe ich leider auch erlebt, bekommt das Kind dann nichts. Weil es ja nicht brav war. Auch doof, denn so ein Termin ist Stress für das Kind, je kleiner, umso weniger versteht es, was los ist. Und je älter, umso besser weiß es, welche Knöpfe gedrückt werden müssen.

Meine Hexe merkt sich ziemlich schnell, wo es gratis Süßkram gab und als sie, als wir den Krankenschein verlängern mussten, enttäuscht feststellen musste, dass sie weder im Wartezimmer spielen darf (das ist wirklich toll eingerichtet), noch zur Ärztin darf und damit keinen Bonbon bekommt, ja das gab dann große Trauer. (Und da verkneif dir als Elternteil über die Absurdität mal das Lachen und gehe halbwegs souverän mit der Situation um.)

Die Belohnungsfalle

Man ist so schnell rein gerutscht. Es fängt meist mit einer Kleinigkeit an. Nicht selten ist es eine kleine Verzweiflungstat. Wenn die Kleinen anfangen ihre Wünsche und ihren Willen (oder Un-Wille) zu äußern, nimmt es seinen Anfang. Und ich gebe zu, auch mir ist schon mal ein „Wenn du x machst, darfst du y“ raus gerutscht. Und im gleichen Moment schoss mir dann ein „Fuuuu***, was war das denn jetzt?“ durch den Kopf. Denn ich bin normal nicht so. Aber man sieht, es geht verdammt schnell.

Am Anfang lässt sich meist noch schnell die Kurve kriegen. Haben die Kids allerdings raus, wie der Hase läuft, wirds unangenehm. Konditionierung funktioniert in beide Richtungen. Eine Falle ist es in meinen Augen deswegen, weil man es sich vermeintlich einfacher macht. Einkaufen ist entspannter, der Arztbesuch, das Auto fahren, das Zimmer wird aufgeräumt. ABER, es folgt, was folgen muss, es wird irgendwann für alles eine Gegenleistung verlangt. Ich soll den Geschirrspüler ausräumen? Dann will ich dafür eine Tüte Chips. Oder länger am Handy/an der Konsole spielen dürfen. Und Kinder sind Verhandlungspartner, die es in sich haben. Vor allem deswegen, weil sie es nicht mal böswillig meinen. Sie denken sich, OK, die Welt funktioniert so. Wenn ich etwas tue, was jemand anderem gefällt, dann bekomme ich was dafür. Schwer, das irgendwann auszugleichen.

Daher, Obacht. Es ist sicher kein Drama mal in nervlicher Notwehr etwas zu versprechen, um zumindest kurzzeitig ein bestimmtes Verhalten zu erhalten. Dennoch sollte man sich auch dann selbst hinterfragen und für die Zukunft nach anderen Lösungen suchen.

Und was ist mit Noten oder Lob?

Das Sprichwort „Nicht geschimpft ist gelobt genug“, kennen wahrscheinlich die meisten. Es ist natürlich reichlich überspitzt, dennoch hat es einen treffenden Kern: Es muss nicht alles mit Lob bedacht werden. Auch Gießkannen-Lob ist eine Form von, recht wahlloser, Belohnung. Und auch das kann eine Erwartungshaltung heran ziehen, die ungesunde Ausmaße annehmen kann.

Noten sind im Gegensatz dazu eine Leistungsbeurteilung, die nach mehr oder weniger standardisierten Regeln vergeben werden. Gute Noten können natürlich eine Belohnung sein, allerdings im Normalfall eine selbst erarbeitete und davon darf man sich gern mehr holen. Aber auch hier ist natürlich auf eine Balance zu achten, Noten sind auch nicht alles.

Weniger meckern, mehr wertschätzen

Wenn wir mal genau darauf achten, gehen wir den Belohnungsgedanken dann auf den Leim, wenn wir selbst grad nicht so toll drauf sind. Nicht selten, sind wir vorher schon ordentlich am Meckern und die „wenn…,dann…“ Versprechung ist dann einfach zu verlockend. Ein anderer Grund ist, dass wir meinen unser Kind sollte etwas schon können oder von sich aus tun. Wir lassen dabei die Individualität aussen vor und orientieren uns an Standards und vermeintlich allgemeingültigen Maßstäben.

Anstatt uns nun eben diesem Denken hinzu geben, sollten wir tief in uns gehen und uns fragen „was wollen wir für unser Kind“? Wenn uns die potentiellen Folgen von Belohnungsystemen und Lob egal sind, wir nicht daran glauben (sorry, die Effekte sind nicht von der Hand zu weisen) oder meinen, so oft machen wir das nicht, OK, go for it. Nur hinterher dann eben nicht wundern.

Will ich ein selbstbewusstes Kind, dass in sich selbst ruhen und auch Nein sagen kann, ein Kind, dass seine Fertigkeiten kennt und sich selbst schätzt, dann sollte ich innehalten. Denn genau das werde ich mit den oben genannten Maßnahmen nicht fördern. Aber wie dann? Im Grunde ganz simpel. Das Kind einbeziehen. Und es wertschätzen. Ja, den Geschirrspüler ein und ausräumen dauert ewig, wenn das Kind hilft. Und auch Kochen ist sicher eine leichtere Angelegenheit, wenn man keinen Loch in den Bauch gefragt bekommt und genörgelt wird, dass man aber mitmachen will. Auf der anderen Seite, was sind die paar Minuten mehr, wenn es doch dem Kind so viel bringt?

Nicht nur, dass es nebenher lernt wie ein Haushalt zu führen ist, wie man kocht und sich gesund ernährt (idealerweise). Arbeit geschafft zu haben, das Vertrauen zu genießen mit an den Herd (den bösen, gefährlichen, heissen Herd, ja, ich höre euch. Soll ich Euch was sagen, 0 Verbrennungen in 3 1/2 Jahren und das ohne Herdschutz) zu dürfen, das ist das, was ein Kind stark macht. Vertrauen und Wertschätzung sind ohnehin die Zauberwörter. Vertrauen sollte auch bestätigt werden. Nicht einfach hinnehmen, sondern auch mal sagen „Hej, ich finde toll, dass ich Dir vertrauen kann.“ „Hej, toll, dass wir zusammen etwas im Haushalt geschafft haben.“

Das faszinierende, es tut nicht nur unserem Kind gut zu hören, dass es toll ist, wie es ist, sondern auch uns. Denn mit jedem Mal, dass wir unser Kind wertschätzen, ihm unser Vertrauen schenken, lernen wir ein Stück mehr Akzeptanz. Davon profitieren wir selbst genauso, denn die Meckermomente werden weniger (was nicht heißt, dass man nicht trotzdem mal genervt sein darf, wir sind alle Menschen. Die Grundhaltung ändert sich dennoch, believe me, I did it.)

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