Incubation

Nun ein wenig dazu, was zur Löschung des alten Blogs führt und was seitdem geschehen ist. Es fällt mir schwer, das in Worte zu fassen. Besser gesagt in Worte, die von aussen, ohne das Wissen, wie es in mir aussieht, verständlich sind. 

Ich habe „Mein achtsames Leben“ im letzten Jahr geschlossen, weil es einfach nicht mehr passte. Nicht der Weg an sich, aber das Bloggen an sich. Ich war mitten in einer Neuorientierung, beruflich, wie auch persönlich. Zwangsläufig. Ab September ging die Gewitterhexe, nach 6 Monaten zuhause (zur Erholung und Vertrauensaufbau nach dem Krippendesaster), zu einer Tagesmutter. Ich begann zu arbeiten. Für einen ziemlich niedrigen Lohn, unter Wert und unter Qualifikation. Egal, Hauptsache etwas haben, Hauptsache kein ALG mehr. 

Es tat mir nicht gut. Schlimmer noch, es zerstörte mich fast. Meine Chefin von den Verhaltensmustern her sehr wie meine Mutter, ein Trigger nach dem anderen. Innerhalb einer Woche, war ich seelisch so kaputt, dass ich mit dem Gedanken spielte, mir etwas an zu tun. In mir war es richtig finster. Abgehalten hat mich nur noch das Bewusstsein, dass ich meiner Tochter nicht die Mutter nehmen will. Ich ging zum Arzt, wurde krank geschrieben. Blutbild OK, sogar zum letzten verbessert. Neurologin nimmt mich nicht ernst, schiebt alles auf meine Wahrnehmung. Klar, was ich fühlte und erlebte zu verstehen, dazu hätte es mehr Zeit, mehr Interesse gebraucht. 

Ich wurde während der Krankschreibung gekündigt. War mir klar, war in dem Moment auch besser so. Noch während ich krank geschrieben war, suchte ich mir etwas neues. Wieder unter Wert, wieder unter Qualifikation. Hauptsache, etwas haben. Ich stellte direkt am ersten Tag fest, was im Vorstellungsgespräch gesagt wird, ist in den meisten Fällen, vor allem im Niedriglohnbereich, Schall und Rauch. Ich hatte keine Lust mehr, mir das anzutun. Lieber zurück zum Amt und die letzten Monate ALG aufbrauchen, als weiter unter Wert. 

Gleichzeitig hat mich das wieder in den Keller gerissen. Ich fühlte mich unfähig, unwürdig, schlecht. Die Trigger aus der kurzen Zeit mit meiner Ex-Chefin wirkten noch nach. Holten alles aus den Tiefen meines Unterbewusstseins. Ich durchlebte alles nochmal, Kindergarten, Schule, Ausbildung, Ausland, bis zum Bruch mit meinen Eltern. Es tat weh. Heftig, physisch weh. Die Schmerzen fühlten sich an, als würde mir eine schwere Grippe in den Gliedern stecken. War es nicht. Was war nur meine Psyche. 

Dass ich nicht wahnsinnig geworden bin, verdanke ich zum einen meinem Mann. Er verstand die Dunkelheit und auch den Schmerz und gab mir die Zeit, mich zu erholen. Das hieß für ihn zwar mehr arbeiten, damit wir über die Runden kommen. Damit schaufelte er jedoch mir Zeit zur Inkubation, zur Regeneration frei. Ich bin ihm dafür sehr dankbar. Es ist eine weitere Talsohle, die wir gemeinsam durchschritten haben, die uns noch mehr zusammen geschweißt hat. 

Was mir ausserdem half die Dunkelheit zu verstehen, zu akzeptieren und vor allem auch den Weg zurück zu finden, waren das Buch „Women who run with the wolves“ und eine CD einer Sounds True Sendereihe „Warming the Stone Child“, beides von Clarissa Pinkola Estes, einer jungianischen Psychoanalytikerin und Post-Trauma Spezialistin, aber auch Geschichtenerzählerin, die dieses Handwerk von Haus aus gelernt hat. Als Jungianerin ist sie bewandert in den Archetypen und ihre Bedeutung. Als Geschichtenerzählerin kennt sie Märchen und auch die Variationen, die Veränderungen im Verlauf der Geschichte. Beides zusammen ist eine Kombination, die für Leser bzw. Hörer zu einer unglaublich heilsame Kombination.

Ich lag also in eine warme Decke gewickelt, denn nur Wärme ließ meine Schmerzen abklingen, las dieses Buch, hörte das Hörbuch. Und in mir fing es langsam an zu arbeiten. Es gab etliche „Aua“-, aber wesentlich mehr „Aha“-Momente. Langsam, wirklich langsam, wich das Dunkel in mir. Es machte Platz für ein neues Selbstverständnis. Ich wollte einfach nicht mehr ein Schatten meiner Selbst sein, wollte meinen Wert nicht mehr herab setzen. Es war immer noch ein schmerzhafter Prozess, wirklich, ganz tief drinnen. Nicht nur zu verstehen, sondern auch so weit zu kommen, dass man sich selbst leben will und nicht etwas, was andere wollen, das ist nicht leicht. Allein schon, wenn soziale Kontakte ohnehin rar gesät sind, macht man sich ungern unbeliebt. Ich erinnerte mich im Laufe dieses, ich sage mal Inkubationsvorgang, an etwas, was mir eine Psychotherapeutin mal gesagt hat (sinngemäß): Vielleicht sollten sie gar nicht versuchen, mehr wie die anderen zu sein, sondern ihr Andersein zelebrieren.

Mein Andersein zelebrieren. Ich war bisher nie auf die Idee gekommen, gut zu finden, wie ich bin. Also so richtig innen drinnen gut. Im Einklang mit mir selbst. Ich habe in dieser Phase vermehrt metta Meditationen gemacht, bin mir selbst offen gegenüber getreten. Habe mich langsam wieder mir selbst angenähert. Komplett abgeschlossen ist der Prozess bis heute nicht. Wahrscheinlich wird er es nie sein. Doch ich konnte endlich alte Muster und Gedanken, die schon lange identifiziert waren, ablegen. Konnte altes gehen lassen, die gelernten Lektionen nicht nur als schmerzhaft, sondern auch als wertvoll ansehen. Und vor allem sehe ich bei dem, was ich tue, gerade an schlechten Tagen, nicht mehr den Schatten meiner Mutter hinter mir. Ich bin ich, in meinem Denken und Handeln. Weder ein Schatten von ihr, noch ein reines Produkt der Erlebnisse meiner Kindheit. Und ein bisschen erfüllt es mich mit Stolz, der Dunkelheit ihren Schrecken genommen zu haben und zu wissen, auch die dunkelste Nacht geht vorbei. Ich fürchte mich nicht mehr.

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