What goes round, comes round. Karma – Oder die Sache mit der guten Tat am Tag

Ich hatte in den letzten Tagen definitiv zu viele „gute Christenmenschen“ um mich herum. Zwar bezeichne ich mich selbst als Christin, jedoch habe ich mit dem institutionalisierten Christentum, auch evangelische oder katholische Kirche genannt, nicht viel zu tun. Christ sein bedeutet für mich eben nicht diese feste Institution, diese festen Riten, leben nach einem Buch, einem Masterplan. Dieses dauernde bewerten nach gut oder schlecht oder gut und böse und das feste Vorhaben jeden Tag etwas gutes zu tun, damit man sich seinen Platz im Himmelreich sichern kann.

Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich für mich das Prinzip von Karma und generell diese Sache gute Taten und die Resultate daraus kapiert habe. (Was gerade total absurd ist, dass ich, aus welchem Grund auch immer, gerade den größten Teil meiner Gedanken dazu auf Englisch denke…) Ich bin ja selbst in einem christlichen oder besser kirchlichen Kontext aufgewachsen. Neben diesem Masterplan, was man zu tun hat, ist dieser Kontext sehr von Pflichtbewusstsein geprägt. Ich gehe in die Kirche, weil es meine christliche Pflicht ist. Ich gehe zu Gemeindegruppe, wie damals zur Jungen Gemeinde, weil ich ja schon so lange hingehe, es ist also meine Pflicht (war damals übrigens mein Grund komplett auszusteigen). Pflichterfüllung ist auch irgendwie sowas, wie eine gute Tat, denn Pflichterfüllung gefällt dem Herrn. Ja, man merkt die Prägung unterschiedlicher Epochen und vor allem auch das Bedürfnis immer eine Art Kontrastprogramm zur ach so verwahrlosten Welt (und den anderen ach so verwahrlosten Glaubensrichtungen) zu fahren. Eine gewisse Abhängigkeit: Ich komme nur ins Himmelreich, wenn ich meine Pflicht erfülle. Meine Pflicht erfülle ich durch die institutionellen Riten und gute Taten. Und ich bin immer abhängig von der „Laune“ meines göttlichen Herren, muss immer bitten und mich klein machen, damit er mich als seins annimmt. So mein Empfinden, das irgendwie mit jedem Gottesdienstbesuch stärker wurde.

Ich begann mich mehr und mehr von der Institution zu lösen, mein Leben immer mehr in die Hand zu nehmen. Ich lernte, die Konsequenzen für meine Handlungen, trage ich selbst. Die Konsequenzen für meine innere Haltung auch. Bin ich gestresst, stresse ich meine Mitmenschen. Bin ich ruhig, vielleicht sogar freundlich, sind es meine Mitmenschen auch. Ein Lächeln ist ansteckend und Freude wird größer, wenn man sie teilt. Ebenso, wie Leid im übrigen, geteiltes Leid ist eben oft nicht halbes, sondern doppeltes Leid. Einfach, weil wir in unser christlich geprägten Welt immer mitleiden, anstatt mitzufühlen. Ein riesiger Unterschied. Dazu aber irgendwann an anderer Stelle mehr. Schon lange bevor ich damit begann zu meditieren, habe ich die Erfahrung gemacht, wenn ich meine Handlungen bewusst tue, die Konsequenzen daraus trage, wenn ich darauf achte, dass ich meinen Tag so gestalte, dass ich am Ende des Tages sagen kann, er ist nicht vergeudet, dann gehe ich anders durch den Tag. Und wenn ich dadurch anders durch den Tag gehe, beeinflusse ich die Menschen um mich herum. Ich habe in dieser Zeit in Irland gelebt. Dort ist es üblich, sich beim Busfahrer zu bedanken, wenn man aussteigt. Im ersten Moment merkwürdig, aber logisch, immerhin erbringt er eine Leistung, die ich nutze. Und Busfahrer in Dublin bzw. Irland generell zu sein ist alles andere als leicht (der Berufsverkehr dort ist die Hölle). Das war die Zeit in der mir so richtig klar wurde, wieviel ein Lächeln, ein freundliches Wort, eine Begrüßung ausmachen kann. Einfach, weil mein Gegenüber merkt „Hej, ich wurde wahrgenommen. Da hat mich jemand gesehen.“ Wer diese Gefühl einmal in seinem Leben hatte, der weiss, wie gut es sich anfühlt und wie es einen durch den Tag tragen kann.

Dann begann ich während meiner Schwangerschaft zu meditieren. Insbesondere die metta Meditation hat es mir angetan, inspirierte mich zu einem Experiment und ist immer noch die für mich hilfreichste Form, wenn einfach mal alles kacke ist (jaja, Fäkalsprache, aber es ist manchmal einfach so). Und diese Form der Meditation hat mein Inneres wirklich verändert. Auch wenn ich vorher schon immer ein Mensch war, der sehr einfühlsam mit anderen umgegangen ist (und auf Basis dessen eher seltener Probleme mit Kunden, komischerweise aber immer mit Kollegen hatte), hat metta, die Liebende Güte, in mir eine innere Ruhe und gleichzeitig ein inneres Licht zum Leuchten gebracht, dass meine eigene Impulsivität gut im Zaum hält. Gleichzeitig gehe ich noch positiver in den Umgang mit anderen Menschen. Natürlich bin auch ich von erlernten und teils erworbenen Vorurteilen anderen Menschen gegenüber geprägt. Doch kann ich diese, gut überhören, denn ich habe zwei Dinge gelernt: meinem Geist bei seiner Plapperei nicht zu zuhören und zum anderen, nicht nur mich selbst, sondern auch jeden anderen Menschen so anzunehmen, wie er ist.

Womit ich wieder bei meinem Ausgangsgedanken, meiner Ausgangsfrage bin: Ist es nicht schon eine gute Tat, wenn ich den Menschen, denen ich begegne, zu verstehen gebe, dass ich sie wahrnehme? Dass ich sie sehe, wie sie sind und sie so akzeptieren kann? Dass ich helfe, wenn notwendig, eben weil wir Menschen sind, wir können nicht perfekt sein und nicht alles gut können? Ist ein ernstgemeintes Danke, ein von herzenden kommendes Lächeln, eine echte freundliche Begrüßung weniger wertvoll, weniger transformierend, als eine gute Tat, die aus dem Hintergedanken des christlichen Kontextes getan wird, um jemand anderem (in diesem Falle einer göttlichen Macht) zu gefallen?

11 Kommentare zu „What goes round, comes round. Karma – Oder die Sache mit der guten Tat am Tag

  1. Hihi, liebe Ilaina, ich musste über die BusfahrerGeschichte lachen, ich gehör nämlich zu denen die extra vorne aussteigen und einen schönen Tag wünschen und danke sagen. Oft werde ich dabei komisch angekuckt. Oder ich lauf liebend gern mit einem Lachen durch die Stadt und schau was so passiert. Ein schner Text, danke vielmals dafür!

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    1. Vielleicht sollte ich das hier auch mal probieren. Wenn man nicht grad vorn von den Einsteigenden weg gedrängelt wird.
      Was auch sehr „lustig“ war: Ich gehöre zu den Menschen die auch das Personal an der Pforte, Empfang etc. immer freundlichen grüßen, was ja viele nicht machen. War auch schon damals in Irland so. Dort ist es so, dass Du bei den meisten Dienstgebäuden eine Chipkarte brauchst, um rein zu kommen. Ich habe zwar nie meine Karte vergessen, oft war aber die Tür schon offen, bevor ich sie draussen hatte, weil man mich schon gesehen hat. Was so ein „bisschen“ ausmachen kann.

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  2. Meiner buddhistisch geprägten Meinung nach ist es viel mehr wert bzw. bringt es dir viel mehr! Bzw. bringt es dir überhaupt etwas, denn nur weil einem einer sagt, man müsse etwas machen um jemandem zu gefallen und es dann macht, ohne sonst einen Nutzen daraus zu ziehen, bringt das gar nichts, sondern schürt nur den üblichen Egoismus. „Ich mach das jetzt, dann bekomm ich irgendwann meine Belohnung.“
    MfG toe

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    1. Bei den Römern hiess es „do ut des“, ich gebe, damit Du gibst. Gemeint waren Opfergaben für die Götter, wenn um etwas gebeten wurde. Im Grunde sind, in meinen Augen, Taten, die nur um eines anderen Zieles Willen getan werden, nichts anderes als eine Art Opfergaben, eine Münze in der Wunschmaschinerie…(irgendwie fällt mir gerade spontan eine Simpsonsfolge ein in der das Haus von Flanders total durch einen Sturm zerstört wird, das der Simpsons jedoch nicht).

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  3. Wunderbar zu lesen und sehr inspirierend. Ich bin gespannt auf weitere Texte von dir. PS: das mit dem Busfahrer finde ich auch toll und ist mir völlig entgangen, als ich während eines Studienaufenthalts in Dublin lebte. 😉

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    1. Es kommt auch ein bisschen darauf an, wieviel man mit dem Bus fährt 😉 Wenn Du jeden Tag quer durch die Stadt fährst und mindestens zwei Buslinien nutzt, fällt das vermutlich mehr auf. Wobei ich die Iren generell als sehr freundlich und offen erlebt habe.

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  4. Auf dem Dorf damals war das normal. Da hat jeder jeden gegrüßt. Ich war gestern in der Früh mit dem Hexlein unterwegs. Sonntags in der Früh hats ja nur Jogger und Gassi-Gänger. Jeder hat uns gegrüßt und kurz geplauscht. Kleines Kind im Sling ist halt immer ein guter Aufhänger. Das war so schön. Ich find auch schön, dass kleine Kinder auch von sich aus anfangen Menschen zu zuwinken. Ich winke immer zurück.

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