Vom ersten Loslassen

Nicht nur Kinder werden irgendwann selbstständig, auch Eltern müssen eine gewisse Selbständigkeit wieder erlernen. Ich sage bewusst lernen, denn es ist ein, wahrscheinlich lebenslanger, Lernprozess, der sich in Gang gesetzt hat. Dass dies so früh passieren wird, habe ich allerdings nicht erwartet. Es fühlt sich immer noch merkwürdig an.

Ich habe mich vor kurzem dazu entschlossen meinem Wunsch nach einem Hobby nachzugehen, auch wenn mir erstmal so gar nicht klar war, wie ich das in meinen Alltag integrieren kann. Als wir während der Schwangerschaft über das Thema Babyphone gesprochen haben, waren wir eigentlich beide der Ansicht, dass wir sowas nicht brauchen würden. Der Gedanke, dass man nicht die ganze Zeit sein Baby um sich herum hat, kam uns beiden so irgendwie gar nicht. Ich weiss nicht mal warum, war einfach so. Nun haben wir allerdings ein Babyphone, dass wir verschenkt hatten, wieder bekommen, weil es angeblich nicht funktioniert. Nach einem Test zuhause war schnell klar, es funktioniert einwandfrei. Interessanterweise fiel dies mit meiner wachsenden Begeisterung für das Nähen zusammen.

Nun war ich es allerdings  gewohnt mit der Kleinen zusammen ins Bett zu gehen. Anfangs habe ich mich gleich mit hingelegt. Dann habe ich das Netbook mitgenommen und bin noch etwas durchs Internet gesurft. Ich hatte zwar das Babyphone, wusste, dass es funktioniert, konnte mich aber nicht durchringen mein Baby „allein“ zu lassen. Als mein Mann dann mal ein paar Tage frei hatte, habe ich mich dann doch mal nach Einschlafstillen und kuscheln aus dem Schlafzimmer gewagt. Und saß dann im Wohnzimmer und hab mich sehr komisch gefühlt. Wenn man den ganzen Tag sein Baby um sich hat, entweder im Arm oder beim Stillen oder zumindest im gleichen Zimmer laut vor sich hin brabbelnd und mit ihm zusammen ins Bett gegangen ist, dann ist da erstmal eine große Lücke.

Im ersten Moment habe ich mich echt allein gefühlt. Es fehlte total was. Wir gingen abwechselnd im Schlafzimmer nachschauen, ob alles in Ordnung ist, trotz Babyphon. Zumindest am ersten Abend. Weil es einfach so surreal war. Und dann kam langsam aber sicher die Erkenntnis, sie wird nicht verschwinden, wenn wir nicht dauernd schauen gehen. Und dass wir, und vor allem ich, sie nicht allein und schon gar nicht verlassen, wenn wir nicht die ganze Zeit direkt neben ihr sind. Dass sie sich ja bemerkbar macht, wenn irgendwas ist. Und dass sie es nicht krumm nimmt, so lange wir dann da sind, wenn sie uns braucht. (Prompt als ich das schreibe, höre ich sie durchs Babyphon quengeln. Ein bisschen Hunger und ganz viel Nuckeln, um sicher zu sein, dass Mama da ist. Und dann wieder ruhig und selig einschlafen.)

Dabei hat sie bereits tagsüber begonnen uns zu signalisieren, dass sie auch mal allein was machen kann. Hat man sie auf dem Schoß oder im Arm, zeigt sie durch Zappeln und sich mit den Beinen nach vorn ziehen an, dass sie gern auf ihre Krabbeldecke und spielen möchte. Sie mag dabei zwar gerne Gesellschaft haben und sich „unterhalten“, sich aber auch gern mit ihren Spielsachen beschäftigen und neue Fertigkeiten üben. Ab und an wird dann mal geschaut, ob wir noch da sind, was gebrabbelt und dann weiter gespielt. Abends wieder ein wenig mehr normalen Alltag zu haben, ist im Grunde nur die Fortsetzung davon.

Und auf einmal wurde mir dann an einem der letzten Abende bewusst, dass bereits jetzt etwas beginnt, was später noch große Bedeutung haben wird: Loslassen können. Das beginnt nicht erst, wenn es darum geht, mal allein irgendwo hin zu gehen. Oder mit der Betreuung ausserhalb der Familie, wenn es darum geht, dass beide Eltern arbeiten gehen. Nein, es beginnt schon in solchen kleinen Momenten. Die eigene Kompetenz und die des Kindes anerkennen, sich selbst und ihm die ersten Schritte in die Unabhänigkeit gönnen. Und geniessen, dass sie eben doch gerne noch in Mamas oder Papas Arm ihr Mittagsschläfchen halten möchten. Diese Momente sind jetzt noch wertvoller für uns als zuvor. Irgendwie fühlt man sich reifer, erfahrener, erfüllter und kann mit noch mehr Begeisterung sein Kind auf seinem Weg begleiten. Ohne Angst vor Verlust. Denn es weiss, wir Eltern sind da. Und wir wissen, unser Kind kommt zu uns. Und ich hoffe sehr, dass ich das auch in ein paar Jahren noch sagen kann. Wir werden auf jeden Fall weiterhin unser Kind so selbstbestimmt seinen Weg gehen lassen und ihm zur Seite stehen. Mehr können wir als Eltern nicht machen. Mehr müssen wir als Eltern auch gar nicht machen.

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