Achtsame Kommunikation und soziale Medien – oder: Muss ich alles weiterquatschen?

Ich habe vor einigen Wochen schon einmal über das Thema achtsame Kommunikation geschrieben. Dieses Thema möchte ich, nachdem mir bereits heute morgen wieder einige Posts in den sozialen Netzwerken entgegen gesprungen sind, nochmals aufgreifen. In diesem Fall geht es mir jedoch nicht um die direkte Kommunikation miteinander, sondern vor allem um das Weitergeben von Informationen (im weitesten Sinne).

Das Internet an sich ist eine tolle Sache. Man kann schnell von überall auf etliche Informationen zugreifen. Was früher nur das Guinness Buch der Rekorde wusste, das ja erfunden wurde, um Kneipenstreitereien zu schlichten, weiss heute mindestens Wikipedia und etliche Nutzer im Netz. Wir können auf wichtige Verkehrsinformationen zugreifen, den Wetterbericht abrufen und unseren Urlaub planen – egal, wo wir gerade sind. Wir können im Park für die Schule oder Universität lernen, ohne massig Bücher mitschleppen zu müssen. Im Grunde eine feine Sache und im großen und ganzen auch immer noch der ursprüngliche Sinn des Internets: der schnelle Austausch von Informationen.

Auch die sozialen Netzwerke sind in der Hinsicht nicht ganz unpraktisch. Man bekommt kaum schneller Informationen zu bestimmten brandaktuellen Ereignissen, von Menschen vor Ort oder vielleicht auch das überschüssige Ticket zu einer Veranstaltung verkauft. Man kann Menschen überall auf der Welt kennen lernen oder das Wissen der Masse für die Suche nach Informationen nutzen (das wird gern als Schwarmintelligenz bezeichnet, wobei dies nicht ganz die eigentliche Bedeutung des Begriffes trifft).

Soweit so gut. Kritisch wird es jedoch, wenn diese Medien, die zum Vernetzen und Austauschen von Informationen gedacht sind, dazu verwendet werden, um irgendetwas zu verbreiten. Ich mag es bewusst nicht Information nennen, da diese Angaben und Berichte oft keinen informativen Mehrwert haben, sondern nur zwei Dinge verfolgen: Aufmerksamkeit erregen und Solidarisierung erwirken beziehungsweise dann durch die Masse erzwingen. Hier gibt es wiederum zwei Arten von Beiträgen. Entweder, sie werden von Betroffenen selbst verfasst. Oder, von Unbeteiligten/-betroffenen, die das ganze nur erzählt bekommen haben. Während im ersten Fall die Schilderung im Normalfall authentisch ist und es meist nur darum geht, sich „auszuweinen“ (also Trost und Hilfe zu suchen), so ist es im zweiten Fall meist die gefilterte, unreflektierte Wiedergabe durch Hörensagen. Weiter verbreitet werden beide Arten, doch das weitaus größere Problem sind die Hörensagen Erzählungen. Hier wird bereits eine bestimmte Ansicht eingebracht, vielleicht nicht offen, aber dennoch unbewusst in der Art und Weise der Schilderung oder in der Wortwahl. Nicht selten handelt es sich um Freunde, Bekannte oder Verwandte der eigentlichen Betroffenen, die sich in den Netzwerken über Situationen oder Verhaltensweisen von anderen echauffieren. Mal die rechtlichen Aspekte von solchen Posts ausser Acht gelassen (vieles bewegt sich sehr an rechtlichen Grenzen und in Graubereichen), so ist es dennoch menschlich fragwürdig. Die Netzwerke und das Internet im allgemeinen werden zur Erweiterung des Tratsches in der Nachbarschaft. Menschen, die gar nichts miteinander zu tun haben, werden dazu gebracht, sich zu diesen Themen zu äußern – hochemotional und selten sachlich. Denn im Netz kann man ja machen was man will. Die Beiträge werden dann weiterverbreitet, damit der eigenen Freundes- und Bekanntenkreis ebenso teilhaben kann an den den großen Ungerechtigkeiten der Welt. Manch eine Hilfsorganisation würde sich freuen, würden ihre Aufrufe einen derartige virale Verbreitung finden, wie diese Art von Beiträgen.

Auch mich juckt es zugegebenermaßen oft genug in den Fingern, wenn mir mal wieder ein hochemotionaler Beitrag zu einem Thema auf Facebook & Co. entgegen blinkt. Allerdings lasse ich im Allgemeinen spätestens nach dem Lesen der ersten Kommentare davon ab. Denn meist haben sich hier bereits vermeintlich Gleichgesinnte solidarisiert. Hier ist es dann definitiv nicht mehr möglich einen sachlichen Austausch zu dem Thema zu führen.

Auch wenn grundsätzlich nichts dagegen spricht auch eher emotionale Beiträge oder Hörensagen zu verbreiten, muss ich das wirklich tun? Und wenn ich es tue, sollte ich mir dann nicht vor allem erstmal die Zeit nehmen, zu überlegen, warum ich genau dieses Thema teilen möchte? Was will ich damit bezwecken? Will ich tatsächlich eine sachliche Diskussion führen oder will ich durch das Teilen zu einer Massensolidarisierung mit den Betroffenen beitragen? Will ich Spott und Häme, Hass und Niedertracht damit weiter schüren, gerade bei Hörensagen? Möchte ich mich auf das Niveau der Regenbogenpresse, die nämlich genau mit diesen Emotionalisierungen arbeitet, begeben?

Egal was ich wann wie und wem weitererzähle, sei es beim Kaffeeklatsch mit Freundinnen, in den Netzwerken oder vielleicht auch über einen Blog, ich sollte immer vorher über folgendes nachdenken:

1. Habe ich die Angaben überprüft oder kann ich sie überprüfen? (Gerade bei Hörensagen sehr wichtig.)

2. Kann ich sicher sein, dass die Angaben authentisch sind und nicht aus anderen Gründen ins Netz gestellt wurden?

3. Bin ich mir der Verantwortung, die ich durch die Weitergabe, das Weitererzählen, übernehme bewusst? Und bin ich bereit die Konsequenzen daraus zu tragen?

4. Was will ich überhaupt damit bezwecken? Betrifft mich das Thema selbst? Möchte ich eine sachliche Diskussion darüber führen oder will ich mich selbst profilieren, um beispielsweise mehr Leser, Likes etc. zu bekommen?

Wenn ich diese Fragen mit „Ja“ beantworten kann beziehungsweise mir bei der letzten Frage bewusst mache, was ich will, dann kann ich durchaus jede Art von Beiträgen und Informationen weitergeben. Wenn ich das nicht kann, dann sollte ich davon absehen. Denn alles, was ich tue und sage, kommt auf mich zurück. Egal, ob es ursprünglich meinen Gedanken entstammt oder nicht. Der Satz „Erst denken, dann handel.“ gewinnt in diesem Zusammenhang umso mehr an Bedeutung.

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