Meditation – Ankommen im Nirgendwohin-Wollen

Ich habe vor kurzem diesen Artikel gelesen. Er sollte eigentlich als Paradebeispiel für eine Frauen-Erfolgsgeschichte stehen. Allein dies empfinde ich schon sehr bedenklich, denn ich finde nicht, dass wir Frauen solche Beispiele benötigen. Zumal diese nicht einmal wirklich selbst ihren Weg gefunden hat und gegangen ist, sondern sich wiederum frühzeitig in ihrer „Vision“ an jemanden gebunden hat, der zufälligerweise das gleiche dachte. Seinen eigenen Weg zu finden und zu beschreiten, bedeutet für mich zum einen heraus zu finden, was einem liegt, welche Aufgabe einen erfüllt. Das ist ein Prozess, der durchaus sehr lange dauern kann, eventuell sogar das ganze Leben. Wenn man diesen Weg gefunden hat, dann heisst dies für mich ihn zu gehen entgegen aller Widrigkeiten. Heisst auch benötigte finanzielle Mittel zumindest zu einem Teil selbst zu generieren und sich nicht darauf zu verlassen, dass es Geld vom Elterhaus gibt. Denn wenn ich die Zustimmung von jemand anderem brauche, ist das dann wirklich noch mein Weg, den ich da gehe? Dies als Überlegung an den Anfang gestellt, denn wirklich aufgestoßen ist mir noch etwas ganz anderes.

Grundsätzlich ist es toll, dass alternative Heilberufe immer mehr Zuwachs finden, doch finde ich, es sollte dann auch die Unterstützung des Menschen im Vordergrund stehen. Das ganze dann gleich wieder zu einem Unternehmen zu machen, wie im Artikel beschrieben, verfehlt in meinen Augen den Sinn der Sache (und wenn ich mir die Preise im genannten Gesundheitszentrum ansehe, dann kommen mir Zweifel, ob hier wirklich noch der Mensch im Vordergrund steht).

Und wenn eine Person, die einen alternativen Heilberuf, sowie Yoga und Meditation erlernt hat, dann ein solches Zentrum begründet und dazu Aussage trifft wie „ich ziehe meine Kraft aus Meditation und Yoga“, drängt sich mir die Frage auf, warum sie Meditation mit einem Ziel verbindet?

Meditation, egal welcher Art, hat eben kein Ziel. Meditation ist aktives Nichtstun, bewusstes Nirgendwohin-Wollen, bewusstes Sein. Das ist allen Arten der Meditation gemein, seien es reine Atemmeditationen, Übungen zur Achtsamkeit oder Chakrenmeditationen. Alle setzen voraus, dass wir im Hier und Jetzt da und unserem Körper gewahr sind.

Dasselbe gilt für Yoga. Auch wenn es heutzutage mehr als Sportart gesehen wird, insbesondere bei Trends wie Yoga-Flow, bei denen man von einer Haltung in die nächste hechtet, so kann Yoga nur richtig wirken, wenn es in Ruhe ausgeführt, Bewegung und Atmung in Einklang sind und die Dehnung beziehungsweise Entspannung bewusst gespürt und vor allem auch nachgespürt wird. Hierbei ist es wiederum wichtig, sich seines Körpers gewahr zu sein, um seine Hinweise wahrzunehmen und seines Atems bewusst zu sein, damit dieser mit der Bewegung verbunden werden kann. Somit erhält es einen meditativen Charakter und ist gleichzeitig eine großartige Achtsamkeitsübung.

Beides, Yoga und Meditation, ist nichts, was man mal eben so neben in einem Kurs erlernen kann und dann funktioniert es für den Rest des Lebens als Energiequelle. Auf beides muss man sich bewusst einlassen können. Um es mit Jon Kabat-Zinn zu sagen „Meditation ist nichts für Feiglinge.“ (Zur Besinnung kommen, S. 32 f). Es ist eben nicht ein bisschen hinsetzen, atmen und dann hat man wieder gute Laune und Energie für den Rest des Tages. Und auch Yoga, so entspannend oder energetisierend es je nach Art und Zusammenstellung der Übungen sein kann, ist nichts, was man mal eben so machen kann. Sicher, Atemmeditationen sind leicht zu erlernen. Viele Yoga Basishaltungen sind ebenso schnell und einfach zu erlernen. Und doch, wenn wir nicht mit unserem ganzen Sein dabei sind in diesem Moment, dann wird es uns nicht das bringen, was wir uns erhoffen. Wir müssen Ziele loslassen, bewusst nichts wollen, einfach geschehen lassen. Wir müssen aufgeben irgendwo hin zu wollen. Dann können wir uns auf diese intensiven Erfahrungen einlassen. Dann können wir lernen, wie wir mit den Aufgaben, die uns sowohl unser Geist, als auch unser Leben stellen, umgehen können, ohne uns von Stress verschlucken zu lassen.  Sich dem zu stellen, kostet jedoch Kraft, es kostet den Mut, denn nicht selten kommen zunächst unangenehme Gedanken auf. Das kann man nicht mal eben so in einem Kurs, der nur über einige Tage geht oder einem Vortrag, lernen (im Vergleich ein Mindfulness-Based Stress Reduction Kurs dauert etwa 6-8 Wochen).

Meditation, in welcher Form auch immer, ist ein fortdauernder Lernprozess. Meditation lernt man nicht und kann es dann einfach. Es ist eine täglich neu beginnende Übung, in der man fortschreiten, aber in gleichem Maße auch wieder Rückschritte erleben kann und die Übungen von vorne beginnt. Es so darzustellen, als könnte man mit ein paar Tagen Programm alles erlernen was man braucht und ist dann für den Rest des Lebens gewappnet, ist schlichtweg irreführend. Und es verwundert nicht, dass Meditation in der westlichen Welt immer noch hochgezogenen Augenbrauen und skeptischen Blicken betrachtet wird. (Insbesondere auch, weil immer wieder einiges an Kapital daraus geschlagen wird, egal ob nun über eine Art Kartensystem für eine bestimmte Anzahl an Stunden oder „Flatrates“ pro Monat.)

Ich selbst übe nun schon einige Zeit unterschiedliche Formen der Meditation und kann sagen, dass es bei weitem nicht so einfach ist, wie man immer denkt. Auch wenn ich bereits eine gewisse Übung habe, gibt es immer wieder Tage, da mag es so gar nicht gelingen wenigstens einige Minuten am Stück zu meditieren. Dennoch beginne ich innerhalb der Zeit, die ich mir täglich setze, immer wieder von neuem mit meiner Übung. Ich verurteile mich nicht dafür, dass es so ist. Ich akzeptiere es und beginne von neuem. Und übe damit eine weitere Fähigkeit, die mir im Alltag durchaus hilfreich ist, insbesondere in, im ersten Augenblick, aussichtslosen Situationen: Beharrlichkeit. Die Geduld aufzubringen etwas zu tun, wovon ich überzeugt bin, auch wenn es im ersten Moment kein Ergebnis zu bringen scheint. Denn nur wenn ich Beharrlichkeit lerne und Achtsamkeit übe, kann ich loslassen von den eiligen Zielen, den schnellen Erfolgen und mich den Momenten der inneren Ruhe und der Entschleunigung, die mir die Fähigkeit bewusst nichts zu wollen gibt, hinzugeben. Und erst dann und nur daraus kann ich tatsächlich die Energie schöpfen meinen Weg zu gehen. Und mit dieser Energie die Gewissheit, dass ich schon irgendwann da ankomme, wo ich hin soll (was nicht immer dort ist, wo man vielleicht hin will).

Erst, wenn wir uns selbst den Druck nehmen, den Zwang des Erfolges ablegen, erst dann können wir uns auf Meditation einlassen. Und auch erst dann wird Meditation zur Meditation.

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